S 03/18 EKIT-Hüfte

S 03/18: "Evidenz- und konsensbasierte Indikationskriterien zur Hüfttotalendoprothese (EKIT-Hüfte)" Prof. Dr. med. Klaus-Peter Günther, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden.

Abstract: Bislang gibt es keine wissenschaftlich fundierten, an Patientenzielen ausgerichteten und unter den verschiedenen Interessengruppen im Gesundheitswesen konsentierten Indikationskriterien für die Hüft-TEP bei Coxarthrose. Unter Schirmherrschaft der DGOU sowie der Deutschen Gesellschaft für Enddoprothetik (AE) sollen Evidenz- und konsensbasierte Indikationskriterien erarbeitet werden. Wichtige Teilprojekte, für die Unterstützung der Stiftung Endoprothetik beantragt wird, sind (1) eine systematische Literaturrecherche zu allgemeinen Indikationskriterien für die Hüft-TEP bei Coxarthrose sowie zur Identifikation von Verfahren für die Bestimmung der Ergebnisqualität bzw. Prädiktoren der Behandlungsergebnisse und (2) die Identifikation von patientenrelevanten Zielen durch Patienten-Fokusgruppen-Diskussionen und einer Patienten-Delphi-Studie. Die Ergebnisse sollen als S3-Leitlinie der AWMF publiziert werden.

Evaluation von Patientenzielen in der primären Hüftendoprothetik –
Ergebnisse aus Fokusgruppendiskussionen
Roman Riedel, Toni Lange, Diana Druschke, Anne Postler, Cornelia Lützner

Hintergrund
Im Zuge der S3-Leitlinieninitiative “Evidenz- und konsensbasierte Indikationskriterien zur Hüfttotalendoprothese (EKIT-Hüfte)” wurden an zwei Universitätsmedizin-Standorten fünf Fokusgruppen mit jeweils acht bis 12 Teilnehmern durchgeführt, um die Bandbreite der Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen aus Patientensicht zu identifizieren. Die Evidenz zeigt, dass die Erwartungen von Patienten und deren Erfüllungsgrad einen Einfluss auf die Zufriedenheit mit dem Operationsergebnis nach einer Hüfttotalendoprothese (Hüft-TEP) haben (Mancuso et al. , 1997, Scott et al. , 2012).
In einer patientenzentrierten Versorgung sind Kenntnisse über den möglichen Erfüllungsgrad globaler und individueller Patientenziele elementare Voraussetzung für eine partizipative Entscheidungsfindung bei elektiven Eingriffen. Zur Evidenzgenerierung für Arzt und Patient ist daher die Identifikation globaler Patientenziele notwendig.

Fragestellung
Diese Studie befasste sich mit folgender Fragestellung: Welche Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen haben Patienten mit Koxarthrose, die sich einer Hüft-TEP-Operation unterziehen werden?

Methodik
Initial wurden in einer Literaturrecherche (eingeschlossen wurden Reviews, systematische Reviews und Originalarbeiten hüftbezogener Scoring-Instrumente) generische (23) und krankheitsspezifische (48) Messinstrumente im Kontext Koxarthrose und Hüft-TEP identifiziert. Die einzelnen Items der Messinstrumente wurden extrahiert, zusammengefasst und als potenzielles Patientenziel hierarchisch kategorisiert. Darauf aufbauend wurde die erste Version des Kodierleitfadens für die spätere qualitative Inhaltsanalyse erarbeitet. Dieser bestand aus sieben Domänen und 46 Kategorien von Patientenzielen. In zwei Studienzentren (Berlin und Dresden) wurden insgesamt fünf Fokusgruppen durchgeführt. Der erste Teil der Fokusgruppendiskussion bestand in einer freien Erhebung und offenen Diskussion aller möglichen Patientenziele im Zusammenhang mit einer Hüft-TEP-Operation. Im Anschluss wurde die Relevanz der aus den Messinstrumenten identifizierten Patientenziele zur Diskussion gestellt. Alle spontan genannten sowie die bestätigten Patientenziele der Messinstrumente wurden unkommentiert gesammelt und auf einem Flipchart visualisiert. Abschließend wurden die Patienten nach ihren wichtigsten Zielen gefragt, um eine Wertigkeit der Diskussionsergebnisse abzubilden. Die Fokusgruppendiskussionen wurden aufgezeichnet, vollständig transkribiert und anschließend computergestützt mit Hilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (Mayring, 2010) ausgewertet (doppelt unabhängig kodiert (RR, CL)). Auf Basis der Gruppenergebnisse wurde der ursprüngliche Kodierleitfaden modifiziert.


Ergebnisse
Insgesamt nahmen 44 Teilnehmer teil; 21 Frauen (48%), mittleres Alter 69,7 Jahre (SD 8.1). Bei 70% der Teilnehmer war nur eine Seite betroffen und die mittlere Erkrankungsdauer betrug 5,5 Jahre (SD 6,0). Die Domänen des Kodierleitfadens, “Symptome”, “Aktivitäten des täglichen Lebens”, “allgemeiner Gesundheitszustand”, “körperliche Funktion”, “körperliche Aktivität”, “Inanspruchnahme medizinischer Gesundheitsleistungen”, und “gesundheitsbezogene Lebensqualität”, wurden in den Zielen der Patienten vollständig bestätigt. Zehn Patientenziele (Kategorien) wurden in den Fokusgruppen nicht bestätigt; dazu gehörte unter anderem “Behebung der Gelenkschwellung”, “Verbesserung einer Ankylose”, und “finanzielle Belastung durch Therapien/ Hilfsmittel etc.”.
Die Patienten nannten 13 neue Ziele, wozu unter anderem die “Behebung der Wetterfühligkeit”, die “Vermeidung von Tablettenabhängigkeit”, das “Gehen ohne Pausieren” und die “Verminderung des
Leidensdrucks” gehörten. Als wichtigste Patientenziele wurden die “Schmerzlinderung”, das “verbesserte Gangbild” und die “Wiedererlangung der Selbständigkeit” ermittelt.

Diskussion
Die Ergebnisse der Fokusgruppen bestätigen überwiegend die aus der Literatur bekannten Patientenziele (Kategorien). Einige Ziele fanden sich jedoch inhaltlich nicht in den Fokusgruppen. Patientenziele, wie die „Behebung der Wetterfühligkeit“ oder die „Angst vor der Abhängigkeit von Tabletten“, sind offenbar in den gängigen Messinstrumenten nicht abgebildet und werden in klinischen Studien nicht erhoben. Damit ein Messinstrument praktikabel und akzeptabel ist, kann es letztendlich nur einen begrenzten Umfang haben. Inwieweit die zusätzlich identifizierten Patientenziele relevant sind und in die Outcome-Erhebung einfließen sollten, wird in der sich anschließenden Delphi-Befragung geprüft werden.
Eine Limitation dieser Fokusgruppenarbeit ist, dass nur zwei Studienzentren inkludiert wurden.

Praktische Implikation
Die identifizierten Therapieziele des modifizierten Kodierleitfadens bilden die Grundlage für eine deutschlandweite Delphi-Befragung zur Konsentierung von globalen Patientenzielen. Diese Ergebnisse fließen in den Experten-Konsensprozess der angestrebten S3-Leitlinie ein.


Reference List

Mancuso CA, Salvati EA, Johanson NA, Peterson MG, Charlson ME (1997) Patients' expectations and satisfaction with total hip arthroplasty. The Journal of arthroplasty 12:387-96.
Mayring P (2010) Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim.
Scott CE, Bugler KE, Clement ND, Macdonald D, Howie CR, Biant LC (2012) Patient expectations of arthroplasty of the hip and knee. J Bone Joint Surg Br 94:974-81.




Systematische Literaturrecherche zur Identifikation von Prädiktoren der Behandlungsergebnisse nach Hüftendoprothese

Hintergrund
Die Implantation einer Hüftendoprothese (Hüft-TEP) ist eine etablierte und erfolgreiche Therapiemaßnahme zur Behandlung der Coxarthrose. Die Anzahl der durchgeführten Operationen in Deutschland bleibt weiterhin auf einem hohen Level (www.gbe-bund.de). Nicht alle Patienten profitieren jedoch in gleichem Maße von dieser Prozedur; einerseits hinsichtlich Schmerzfreiheit, Funktionsgewinn und Verbesserung der Lebensqualität und andererseits in Bezug auf den komplikationsfreien Ablauf der Operation und den Heilungsverlauf. Patientenspezifische Parameter und ihr Einfluss auf das Operationsergebnis stehen in den letzten Jahren verstärkt im Fokus des Interesses.

Fragestellung
In einer systematischen Literaturrecherche von Reviews, Metaanalysen und Overviews soll folgende Frage geklärt werden: Welche Faktoren haben in welcher Form (Richtung und Stärke) einen direkten Einfluss auf das Ergebnis einer Hüftendoprothese?

Methodik
Ein Suchstring mit den Keywords „Hüfte“, „Endoprothese“ und „Review, Metaanalyse, Overview“ wurde für die Datenbanken PubMed und MEDLINE (OVID-Version) erstellt und getestet. Die Literatursuche erfolgte am 02.08.2019, wobei 893 Treffer in PubMed und 2191 Treffer in MEDLINE erzielt wurden. Nach Bereinigung der Dubletten verblieben 2175 Treffer zum Titel- und Abstraktscreening.
Als Einschlusskriterien wurden festgelegt:
- Sprachen: deutsch und englisch
- Studientyp: systematische Reviews, Metaanalyse, Overview
- Thema: Prädiktoren für das Outcome nach Hüftendoprothese
- Volltext verfügbar.
Das inhaltliche Screening wurde im Oktober 2019 von 2 Reviewern (NE, CL) unabhängig voneinander durchgeführt, bei Nicht-Übereinstimmung wurde eine dritte Person (AEP) gefragt. Von 112 thematisch relevanten Publikationen wurden 35 aufgrund nicht passenden Publikationstyp oder Sprache ausgeschlossen. Die methodische Qualität der verbliebenen 77 Artikel wurde im Januar 2020 mit der AMSTAR Checkliste, erneut von 2 Reviewern (NE, CL) unabhängig voneinander, bewertet. 47 Artikel wurden aufgrund zu geringer Qualität ausgeschlossen.

Vorläufige Ergebnisse
Aus 112 Publikationen wurden 30 relevante Publikationen zum Thema „Prädiktoren für die Behandlungsergebnisse nach Hüft-TEP“ identifiziert. Nach der AMSTAR-Checkliste wiesen 21 Studien eine kritisch-niedrige, acht Studien eine niedrige und eine Studie eine moderate Qualitätsbewertung auf. Es folgt die Datenextraktion von 2 Reviewern (NE, CL) unabhängig voneinander.